Prof. Dr. med. Thomas Hans Fehr Ärztlicher Direktor, Chefarzt und Departementsleiter Innere Medizin

Innere Medizin

«Das vergangene Jahr verlangte von allen eine enorme Flexibilität.»

Prof. Dr. med. Thomas Hans Fehr, Ärztlicher Direktor, Chefarzt und Departementsleiter Innere Medizin

«Mit der Corona-Pandemie passierte etwas, von dem niemand von uns je geahnt hätte, dass wir es je erleben werden. Und wir im Departement Medizin haben – mit Ausnahme der Intensivpflegestation und der Zentralen Notfallstation, die nicht zu meinem Departement gehören – die Hauptlast getragen. Wir hatten mit den Patienten auf der Pandemiestation alle stationären Covid-Fälle bei uns. Auch gehört die Infektiologie zu meinem Departement. Daher war und ist diese Pandemie eine grosse Herausforderung für uns alle.

Aus meiner Sicht gibt es zwei Phasen, die mit den beiden Wellen einhergehen. Im Frühling, bei der ersten Welle, war vor allem die Unsicherheit prägend. Wir wussten nicht, was für ein Krankheitsbild da auf uns zukommt. Es stellten sich Fragen, nach der korrekten medizinischen Herangehensweise, wie viele Patienten da auf uns zukommen werden und wie gross das Risiko sein wird, dass sich unser Personal bei der Betreuung der Patienten ansteckt. Die Infos aus China und Italien, den beiden stark betroffenen Ländern, waren nur sehr spärlich, die Unsicherheit und der Respekt waren gross.

Die Politik reagierte sehr schnell, es kam zum Lockdown und auch bei uns wurden alle Weiterbildungen abgesagt und Projekte zurückgestellt. Dies hatte zur Folge, dass wir Zeit für die Corona-Patienten hatten. Es gab Bereiche, in denen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken mussten, weil Sprechstunden ausgefallen sind.

Was mich in dieser ersten Phase sehr beeindruckte, war zu sehen, wie plötzlich ein Ruck durchs Haus ging. Man sah, es ist eine Krise und jeder war sich bewusst, dass wir diese gemeinsam bewältigen müssen. Alle waren extrem flexibel, jeder machte Dinge, die gar nicht zu seinem Aufgabenbereich gehören. Es war eine schöne Erfahrung zu sehen, wie so ein Unternehmen innert kürzester Zeit von einem regulären Modus in einen Krisenmodus übergehen kann. Vieles ging viel schneller und unkomplizierter.

Dann kam die zweite Phase: Die zweite Welle im Herbst wurde viel anspruchsvoller. Wir kannten inzwischen die Krankheit und deren Verläufe und wussten, wie wir uns schützen können. Die Angst und die Unsicherheit vor Corona waren nicht mehr das Zentrale. Die zweite Welle, in der wir uns noch befinden, ist quantitativ viel grösser als die erste, ein vollständiger Lockdown aber findet nicht statt. Das normale Programm läuft daneben weiter. Das wurde für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einer Doppelbelastung: Die Teams sind müde und es geht an die Substanz der Menschen, wenn immer wieder aufs Neue Dienstpläne umgestellt werden müssen, weil jemand in Quarantäne oder Isolation muss.

Das vergangene Jahr verlangte von allen eine enorme Flexibilität, insbesondere von den Pflegenden. Gerade auf der Pandemiestation, die sich sehr bewährt hat, wurden wir von Pflegenden aus der Pädiatrie und Chirurgie unterstützt. Alleine hätten wir das gar nicht bestreiten können. Die Bereitschaft der Pflegenden war enorm und man darf nicht vergessen, es ist nicht einfach, plötzlich auf einer anderen Station zu arbeiten, wo man weder Kolleginnen und Kollegen noch die Krankheitsbilder kennt. Das bringt die Betroffenen immer wieder an die Grenzen der beruflichen Herausforderung.

Für mich etwas vom Schwierigsten war, darauf Acht zu geben, dass das Team nicht auseinanderfällt. Wir realisierten erst spät, was für Spuren der Lockdown in den Teams hinterliess. Denn plötzlich fielen im Frühling die Weiterbildungen weg, man durfte keinen Kaffee mehr zusammen trinken, nicht mehr gemeinsam essen gehen, kein Freitagabend-Apéro mehr zelebrieren – alles, was für den Teamgeist wichtig war, fiel weg. Dies hinterliess im Team deutliche Spuren und führte bei einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu einer Unzufriedenheit, welche wir erst spät bemerkten.

Am schwersten hatten es diejenigen, die neu bei uns anfingen. Jeder trägt eine Maske und man hat gar keine Chance, jemanden kennenzulernen. Das Sensorium dafür fehlte uns anfänglich, aber wir hatten noch nie so eine Krise erlebt. In der zweiten Welle versuchen dies besser zu machen und besonders die Ärztinnen und Ärzte, die neu ins Team kommen, besser zu integrieren und noch intensiver zu kommunizieren. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.»

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Wir dachten, der Umzug wäre das grosse Ereignis im 2020.

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Magdalena Bachmann Pflegefachfrau Pneumologie/Schlafmedizin

Magdalena Bachmann

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